Saarphila History
Vor 80 Jahren entstand das Saarland wie wir es heute kennen. Ebenfalls vor 80 Jahren begannen die Planungen für eine und Arbeiten an einer Briefmarkenausgabe für das Saarland: ‹Berufe und Sehenswürdigkeiten an der Saar›.
Die politische Entwicklung des Saarlandes wie die Geschichte der Briefmarkenausgaben ‹Berufe und Sehenswürdigkeiten an der Saar› sind untrennbar miteinander verwoben.
In den kommenden 27 Monate werde ich in loser Folge zu bestimmten Ereignissen dieser Zeit Beiträge verfassen. Mal mehr aus politischer mal mehr aus philatelistischer Perspektive; aber immer als Ereignisgeschichte, der ‹courte durée› nach Fernand Braudel.
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8. April 1946
Seit diesem Tag rapportiert Gilbert Grandval, Militärgouverneur des Saarlandes, direkt an den Quay d’Orsay in Paris. Genauer an die Kommission für Saar-Angelegenheiten im Pariser Aussenministerium.
Dies beendet einerseits die Unterstellung Grandvals unter die französische Militärregierung für Deutschland in Baden-Baden, andererseits die administrative Trennung des Saarlandes von der französischen Besatzungszone in Deutschland. Erste Schritte dazu hatte es bereits 1945 gegeben.
Ein Jahr zuvor, am 21. März 1945 ist der Krieg für die wenigen verbliebenen zivilen Bewohner der Saar-Region vorbei.
Truppen der 7. US-Armee, verstärkt durch zwei Divisionen der 3. US-Armee und mit Unterstützung durch Jagdbomber des XII. Tactical Air Commands sowie Bombern der 8. US-Luftflotte hatten im Zuge der Operation ‹Undertone› die Flüsse Mosel, Saar und Nahe, sowie den Westwall innerhalb weniger Tage überwunden. Die Front verläuft nun entlang des Westufers des Rheins.
Hinter der Front herrscht Ruhe.
Über dem Eingang des Saarbrücker Rathauses weht das Sternenbanner. Saarbrücken ist nach 32 schweren Luftangriffen eine Trümmerwüste. 80 Prozent der Gebäude sind beschädigt oder zerstört. Die Wasser- und Energieversorgung längst zusammengebrochen. Etwa 7’000 Menschen hausen in den Ruinen und einigen Höhlen. 7’000 von über 130’000 vor dem Krieg.

Das Saarbrücker Rathaus ist Amtssitz des 48-jährigen Colonels Louis G. Kelly (1897-1970). Kelly leitet seit dem 22. März 1945 die US-Militärverwaltung für Saarbrücken. In einer seiner ersten Amtshandlungen ernennt er am 24. März den örtlichen Nudelfabrikanten Heinrich Wahlster (1892-1968) zum Oberbürgermeister von Saarbrücken. Der leitende Angestellte Heinrich Detjen wird zweiter Bürgermeister, der Kaufmann Richard Neu Beigeordneter. Fertig ist die Stadtregierung.
Danach organisiert Kelly Trümmerräumung, Wasser, Nahrungsmittel, Kohlen, Strom und die medizinische Versorgung. Eine Herkulesaufgabe.
Colonel Kelly macht seine Arbeit gut.
Mitte April 1945 – in Deutschland wird weiterhin verbissen gekämpft – wird ihm die Leitung der US-Militärverwaltung für die gesamte Saar-Region übertragen.
Ich kann leider kein Bild von Colonel Louis G. Kelly zeigen. Meine Kontakte beim Pentagon, dem Archiv der New York Times, beim Oberkommando der US-Truppen in Wiesbaden und bei der NATO School in Oberammergau (damals 6819th AIESS, die Kelly Ende der 1940er-Jahr leitete) waren alle sehr freundlich und hilfsbereit, konnten in ihren Beständen jedoch kein Bild von Kelly finden.
Ich halte Colonel Kelly für einen von drei Gründungsvätern des modernen Saarlands. Weshalb?
Colonel Kelly errichtet am 4. Mai 1945 – also noch vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht – das Regierungspräsidium Saar. Damit schafft er die institutionelle Basis für das Saarland. Die Leitung des Regierungspräsidiums überträgt Colonel Kelly dem 44-jährigen Rechtsanwalt Dr. Hans Neureuter (1901-1953). Kelly beweist mit dieser Wahl Menschenkenntnis, denn Neureuter ist ein Macher, der den Wiederaufbau vorantreiben will.
Die Errichtung des Regierungspräsidiums Saar erfolgt im Einklang mit der generellen Anweisung des Supreme Headquarters, in den besetzten Gebieten schnell eine der Weisungsbefugnis der US-Militärbehörden unterstellte regionale Verwaltung zu errichten. Ich gehe jedoch davon aus, dass Colonel Kelly bei der Schaffung des Regierungspräsidiums Saar eigenmächtig handelt. Warum? Zwei Gründe
Ein Regierungspräsidium Saar hatte es zuvor nicht gegeben. Die Saar-Region gehörte zum grössten Teil zur preussischen Rheinprovinz (Regierungsbezirk Trier) und zu einem kleineren Teil zur bayrischen Pfalz. Nach der Rückgliederung des Völkerbundsmandats ‹Saargebiet› am 1. März 1935 wurde das Saarland Reichsland unter einem Reichskommissar und ab 1941 Teil der sogenannten ‹Westmark›.
Die US-amerikanische Militärregierung in Frankfurt bildet – wohl in Unkenntnis der Massnahme Kellys – am 10. Mai 1945 die Provinzialregierung Saar-Pfalz und Rheinhessen mit Sitz in Neustadt an der Haardt. Aus der Provinzialregierung entsteht, erweitert um die Regierungsbezirke Trier und Koblenz mit Wirkung vom 1. Juni 1945 das Oberregierungspräsidium Mittelrhein-Saar unter Dr. Hermann Heimerich (1885-1963). Ein Regierungspräsidium Saar ist in dieser Verwaltungseinheit nicht vorgesehen. Erst mit der Organisationsverfügung Nr. 7 vom 3. Juni 1945 sanktioniert die US-Militärregierung nachträglich Colonel Kellys ‹Neugründung› und errichtet neben Trier und Koblenz offiziell die drei Regierungsbezirke Saar, Pfalz und Rheinhessen.
Die Unterstellung unter ein Oberregierungspräsidium ist für Regierungspräsident Dr. Neureuter glücklicherweise nur ein kurzfristiges Ärgernis, denn in Neustadt sitzen keine Macher, sondern Sesselfurzer.
Wie steht es mit dem Postverkehr im Saarland?
Der Postdienst ist seit Ende 1944 komplett eingestellt. Im Gegensatz zu Aachen wird nach der Besatzung durch alliierte Truppen auch kein Postdienst eingerichtet, werden keine Briefmarken [AM-Post, 19. März 1945] ausgegeben. Der zivile Postverkehr bleibt untersagt. Für die Post zwischen zivilen Dienststellen wie Bürgermeistern, Landräten, Kreisverwaltungen wird ein Kurierdienstes eingerichtet. Dies bleibt jedoch ein kurzlebiges Provisorium. Weshalb?
Das Hauptpostamt in Saarbrücken, Postämter in den Städten und auf dem Land sowie andere Einrichtungen sind zerstört. Die Reichspostdirektion Saarbrücken hatte 1944 mit der gesamten Belegschaft und 12 Postbussen erst nach Speyer verlegt, war vor der näherrückenden Front nach Heidelberg evakuiert worden und danach nach Bayern gelangt.
Erst unter massivem Druck der US-Militärregierung macht sich die Postbelegschaft am 14. Mai 1945 samt Bussen aus dem Allgäu auf den Weg in die Heimat. Dort ist die vordringliche Aufgabe nicht die Briefpost, sondern der Kraftpostverkehr zwischen den Wohngebieten der Bergleute und den Kohlengruben.
Am 10. Juli 1945 lösen französische Truppen die US-amerikanischen Besatzungstruppen ab; das Saarland ist nun gemäss finalem Zonenprotokoll der European Advisory Commission (EAC) in London für kurze Zeit Teil der französischen Besatzungszone in Deutschland.

Die französische Besatzungszone umfasst Gebiete im Westen Deutschlands sowie – um die schöne Schweiz herum – das Vorarlberg und die westlichen Teile Tirols in Österreich.

Die französische Besatzungszone in Deutschland ähnelt auf Karten einer Sanduhr, deren Engstelle bei Karlsruhe liegt. Auf der Karte sehen wir die Lage des Saarlandes blassblau eingezeichnet. Die Grenzen des Saarlandes sind nicht die von 1945, sondern jene zur Zeit der grössten territorialen Ausdehnung nach Juli 1946. Thema eines der kommenden Beiträge von Saarphila History ‹Vor 80 Jahren›.
Am 10. Juli 1945 rücken nicht bloss französische Truppen im Saarland ein, sondern Général Louis-Constant Morlière (1897-1980) übernimmt die provisorische Truppenverwaltung die Saar-Region.

Ich halte Général Morlière für den zweiten Gründungsvater des modernen Saarlands. Wieso?
Am 25. Juli 1945 gliedert er – ratzfatz – das Regierungspräsidium Saar aus der Zuständigkeit des Oberregierungspräsidiums in Neustadt aus. Das Oberregierungspräsidium legt Général Morlière keine Steine in den Weg. Die feinen Herren der Regierung hatten am 5. Juli 1945 geschlossen den Rücktritt eingereicht.
Grund: Mit den US-Amerikanern hätten sie zusammenarbeiten wollen, aber eine Zusammenarbeit mit dem ‹Erbfeind› Frankreich fanden sie unzumutbar. Was für eine Hybris!
Général Morlière schreibt gleichentags an Dr. Neureuter:
…, dass das Saarland künftighin eine eigene Verwaltungseinheit bildet.
Das war ein grosser Schritt auf dem Weg zur Loslösung des Saarlandes von der französischen Besatzungszone und schlussendlich von Deutschland. Général Morlières Zuständigkeit für das Saarland endet offiziell am 30. August 1945.
Vorhang auf für den Mann, welcher die Basis für das heutige Saarland gelegt hat; der das Saarland so geprägt hat, wie sonst niemand. Bis heute! Es wundert mich, dass die Saarländer ihm noch kein Denkmal gesetzt haben. Ich habe ihn eingangs erwähnt: Gilbert Grandval.

Nach Ende der Potsdamer Konferenz, an welcher die alliierten Besatzungszonen gemäss den Vorschlägen der EAC endgültig legitimiert wurden, wird der 41-jährige Gilbert Grandval (1904-1981, eigentlich Yves Gilbert Edmond Hirsch-Ollendorf) zum Militärgouverneur des Saarlandes ernannt.
Seine Ernennung erfolgt auf direkte Veranlassung von Präsident Charles de Gaulle gegen das Aussenministerium, welche Léonce Abel Verdier, von 1935-1939 französischer Konsul an der Saar, favorisierten.
Grandval tritt seine Position am 7. September 1945 an. Er arbeitet sich rasch in die Thematik ein und entwickelt eine eigene, von seinem Mentor De Gaulle unabhängige Vision des Saarlandes. Grandval erweist sich als Glücksgriff für das Saarland.
Der 8. April 1946, heute vor 80 Jahren ist der Tag der weitestgehend administrativen Trennung des Saarlandes von der französischen Besatzungszone. Die Trennung betrifft nicht die Eisenbahn und nur zu einem Teil die inzwischen gegründete Oberpostdirektion Saar.
Die Trennung und die direkte Unterstellung Grandvals unter das französische Aussenministerium am Quay d’Orsay erfolgt nicht gegen den Willen des französischen Militärgouverneurs für Deutschland, Général Pierre-Marie Kœnig. Im Gegenteil. Sie erfolgt auf Vorschlag von Général Kœnig.
Beide, Kœnig und Grandval hatten bereits seit der letzten Phase des Krieges gut zusammengearbeitet. So gut, dass De Gaulle, Grandval als Kœnigs Stellvertreter vorgesehen hatte. Doch Grandval hatte diese Position abgelehnt. Er wollte aufbauen. Er war ein ‹Macher›.
Einige Eckdaten zum Postverkehr
- Juli 1945: Die französischen Militärbehörden gründen über das Regierungspräsidium Saar die Oberpostdirektion Saar mit Sitz in Saarbrücken. Die Belegschaft rekrutiert sich mehrheitlich aus Angestellten der ehemaligen Reichspost. Erster Präsident wird Paul Beinlich.
- September 1945: Der zivile Postverkehr wird ab 1. September im nördlichen Teil der französischen Besatzungszone und somit auch im Saarland wieder zugelassen und umgehend rege genutzt. Erlaubt sind Postkarten mit bis zu 10 Zeilen Text. Gebühr 5 Pfennig im Orts- und 6 Pfennig im Fernverkehr. Barfrankierung.
Am 6. September wird der Postscheckdienst wieder aufgenommen.
Am 17. September wird der zivile Postverkehr auf Briefe, Drucksachen und Zeitungen ausgeweitet. - Oktober 1945: Der zivile Postverkehr wird am 14. Oktober auf die gesamte französische Besatzungszone und am 30. Oktober auf die anderen Besatzungszonen ausgeweitet.
- Januar 1946: Erste Werte der Briefmarkenausgabe ‹Wappen und Dichter› kommen an die saarländischen Postschalter. Barfrankierung weiterhin weit verbreitet.

- März 1946: Portoerhöhung im Saarland wie auch in der französischen Besatzungszone zum 1. März. Verdoppelung aller wesentlichen Inlandspostgebühren. Die Gebühren für die — noch nicht — zugelassenen Auslandsdienste werden verdreifacht
- April 1946: Wiederaufnahme des Auslandspostverkehrs in allen Besatzungszonen am 1. April. Destinationen Japan, Spanien und Ungarn sind nicht gestattet. Die französische Zensurstelle in Saarbrücken überwacht die bei der Auslandsleitstelle Saarbrücken (Postamt Saarbrücken 2, Stempel c) eingehende Post.
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🇬🇧 In a nutshell: 80 years ago, foundations for the nascent Saarland were laid. 80 years ago, plans were drawn for and work started at the first stamp issue for the Saarland ‹Works and sights at the Saar›.
Both, the political history of the Saarland as well as the history of the stamp issues ‹Works and sights at the Saar› are inextricably entwined.
In no particular order I’m going to publish over the next 27 months blog-posts on certain historical events of that time. Sometimes from a political and sometimes from a philatelic perspective.
This post traces the early beginnings of the nascent Saarland. from March 1945 to April 1946.
🇫🇷 En bref: Il y a 80 ans, les fondations de la Sarre naissante ont été posées. Il y a 80 ans, les plans ont été dessinés et les travaux ont commencé pour la première série de timbres de la Sarre intitulée « Metiers et sites de la Sarre ».
L’histoire politique de la Sarre et l’histoire de la série de timbres « Metiers et sites de la Sarre » sont inextricablement liées.
Au cours des 27 prochains mois, je publierai, sans ordre particulier, des articles de blog sur certains événements historiques (Fernand Braudel) de cette époche. Parfois d’un point de vue politique, parfois d’un point de vue philatélique.
Cet article retrace les tout débuts de la Sarre naissante, de mars 1945 à avril 1946.
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