1933 – Der Gasometer in Neunkirchen explodiert

Saarphila History

Neunkirchen (Saar) 1932 (AK Sammlung Montclair)

Freitagabend in der Industriestadt Neunkirchen. Es ist fast dunkel am Abend des 10. Februar 1933 um 18:05 Uhr. Da wird es plötzlich wieder hell. Riesige Flammen schiessen in den dunklen Himmel empor, dann folgt eine ohrenbetäubende Explosion. Sämtliche Scheiben in der Stadt zerbersten. Decken grosser Gebäude stürzen ein und begraben Menschen unter sich. Wohnhäuser an der Saarbrückerstrasse werden durch den Druck der gewaltigen Explosion dem Erdboden gleich gemacht und viele Häuser in der Schlawerie komplett zerstört.

Der erst vor zwei Jahren erbaute MAN Scheiben-Gasometer, 72 Meter hoch, 50 Meter im Durchmesser explodiert mit so einer Wucht, dass die erdbebenartigen Erschütterungen noch im Umkreis von 200 Kilometern wahrnehmbar sind. Im etwa 100 Kilomenter entfernten Heidelberg gehen noch Scheiben zu Bruch.  Die schreckliche Bilanz des Unglücks: 68 Menschen tot, 160 Menschen zum Teil schwer verletzt, 167 Familien obdachlos. (1)

Nach der Explosion (‹Le Miroir du Monde›)
‹Le Miroir du Monde› No. 155 18 Fevrier 1933, Sammlung Montclair, Click to view

Die internationale mediale Aufmerksamkeit ist riesig. Hier die Filmberichterstattung ‹In a second of time!› von British Pathé am Wochenende nach dem Unglück, welche ab dem 16. Februar 1933 in den Kinos gezeigt wird.

Gross ist ebenfalls das Spendenaufkommen im In- und Ausland. Die Postverwaltung des Saargebietes gibt einige Monate später Sondermarken (MiNr. SG 168-170) heraus, welche als Bildmotiv die Rettungsarbeiten nach der Explosion zeigen.

Welchen Bezug hat dieses schreckliche Ereignis zu meinem Sammel- und Forschungsgebiet, den Ausgaben ‹Berufe und Sehenswürdigkeiten an der Saar›?

Das Bildmotiv ‹Bäuerinnen bei der Rübenernte› zeigt im Bildhintergrund prominent einen Gasometer inmitten anderer Industrieanlagen. Die Aufteilung des Bildmotives in Bildvorder- und Bildhintergrund ist 1947 eine kleine Revolution für Briefmarkenentwürfe (2).  Dem Künstler Vytautas Kazimieras Jonynas (1907-1997) gelingt, wichtige Zusammenhänge subtil in das gerade einmal 18,5 x 22 Millimeter grosse Markenbild einfliessen zu lassen. Der in seiner Umwelt agierende Mensch steht im Mittelpunkt. Interessanterweise lässt Jonynas Frauen das Bildmotiv prominent dominieren; nicht dekorativ platzierte Frauen, sondern Frauen, die körperlich hart arbeiten und ihre Werkzeuge routiniert benutzen. Dabei ist seine Darstellung der Frauen überaus detailliert: Kopftuch, Hemd, Rock über Strumpfhosen, Schürze und derbe Schuhe. Das Bildmotiv stellt den essentiellen Zusammenhang zwischen Landwirtschaft und Industrie her. Ohne Nahrungsmittel keine Arbeiter, keine Produktion, kein Wohlstand. Darüber hinaus wird harte körperliche Arbeit dargestellt, welche den wirtschaftlichen Erfolg – hier symbolisiert durch die rauchenden Fabrikschlote – und damit den Wohlstand der Saarländer erst generiert.

Das i-Tüpfelchen des Bildmotivs ist jedoch der abgebildete Gasometer. Eine subtile Warnung vor den Gefahren industrieller Arbeit. Den Saarländern dürften 1947 – bloss 14 Jahre nach dem Unglück – die Bilder des verwüsteten Neunkirchen trotz aller schrecklichen Kriegsbilder noch gut in Erinnerung gewesen sein.

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(1) Wolfgang Melnyk/Horst Schwenk; Schreckenstage in Neunkirchen – als der Gasometer explodierte, Historischer Verein Stadt Neunkirchen e.V. (Hrsg.), 2. Auflage, Neunkirchen 2013

(2) Dasselbe Prinzip der Unterteilung des Bildmotives wendet Jonynas auf beim Motiv ‹Bergmann vor Ort› an.

externe Links
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ARD Mediathek
Wikipedia

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🇬🇧 In a nutshell: Friday evening in the industrial town of Neunkirchen. It is almost dark on the evening of 10 February 1933 at 6:05 p.m. Suddenly, it becomes light again. Huge flames shoot up into the dark sky, followed by a deafening explosion. All the windows in the city shatter. The ceilings of large buildings collapse, burying people beneath them. Residential buildings on Saarbrückerstrasse are razed to the ground by the pressure of the violent explosion, and many houses in Schlawerie are completely destroyed.
The very large MAN-gasometer, built just two years earlier, 72 metres high and 50 metres in diameter, explodes with such force that the earthquake-like tremors can still be felt within a radius of 200 kilometres. Windows are still breaking in Heidelberg, some 100 kilometres away. The terrible toll of the accident: 68 people dead, 160 people injured, some seriously, and 167 families left homeless.
Where’s the connection to my field of research, the stamp editions ‹Works and sights at the Saar›? The motif ‹Farming women harvesting beets› prominently features a gasometer in the background of the picture, surrounded by other industrial facilities. A subtle warning about the dangers of industrial work. In 1947, just 14 years after the disaster, the people of the Saarland would still have had vivid memories of the images of a devastated Neunkirchen, despite all the horrible images of war since then.

🇫🇷 En bref: Vendredi soir dans la ville industrielle de Neunkirchen. Il fait presque nuit, le 10 février 1933, à 18 h 05. Soudain, la lumière revient. D’énormes flammes jaillissent dans le ciel sombre, suivies d’une explosion assourdissante. Toutes les fenêtres de la ville volent en éclats. Les plafonds des grands bâtiments s’effondrent, ensevelissant les personnes qui se trouvent dessous. Les immeubles résidentiels de la Saarbrückerstrasse sont rasés par la pression de la violente explosion, et de nombreuses maisons de Schlawerie sont complètement détruites.
Le très grand gazomètre MAN, construit deux ans plus tôt, haut de 72 mètres et d’un diamètre de 50 mètres, explose avec une telle force que les secousses sismiques sont encore perceptibles dans un rayon de 200 kilomètres. À Heidelberg, à une centaine de kilomètres de là, des vitres continuent de se briser. Le bilan terrible de l’accident : 68 morts, 160 blessés, dont certains gravement, et 167 familles sans abri.
Quel est le lien avec mon domaine de recherche, les éditions de timbres « Metiers et sites de la Sarre » ? Le motif « Femmes agricoles récoltant des betteraves » met en évidence un gazomètre à l’arrière-plan de l’image, entouré d’autres installations industrielles. Un avertissement subtil sur les dangers du travail industriel. En 1947, seulement 14 ans après la catastrophe, les habitants de la Sarre avaient encore en mémoire les images d’une ville de Neunkirchen dévastée, malgré toutes les horribles images de guerre qui avaient suivi.

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