‹Vor 80 Jahren› – 6. September 1946

Saarphila History

Vor 80 Jahren entstand das Saarland wie wir es heute kennen. Ebenfalls vor 80 Jahren begannen die Planungen und Arbeiten an einer Briefmarkenausgabe für das Saarland: ‹Berufe und Sehenswürdigkeiten an der Saar›.
Die politische Entwicklung des Saarlandes wie die Geschichte der Briefmarkenausgaben ‹Berufe und Sehenswürdigkeiten an der Saar› sind untrennbar miteinander verwoben.

____________________

6. September 1946

Grosses Haus des Staatstheaters, Stuttgart, US-amerikanische Besatzungszone

In Stuttgart hält der US-Aussenminister James F. Byrnes (→ 1) eine Rede, welche als ‹Rede der Hoffnung› in die Geschichte eingehen sollte. Es ist allgemein bekannt, dass der US-amerikanische Präsident Truman und sein Aussenminister aussenpolitisch dieselben Standpunkte vertreten, was dieser Rede in den Augen der Zeitgenossen eine grosse Bedeutung verleiht.

Byrnes Rede trägt den Titel «Restatement of Policy on Germany» und befasst sich mit vielen unterschiedlichen Aspekten der Deutschen Nachkriegswirklichkeit. Von der Arbeit des Alliierten Kontrollrates, über die mögliche wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands, einer möglichen deutschen Regierung bis hin zu möglichen Grenzziehungen. Hinzu kam verdeckte Kritik an der Haltung Frankreichs und – in geringerem Masse – an der Haltung der Sowjetunion bezüglich der Verwaltung der Besatzungszonen. Er benennt jedoch klar den Ost-West-Konflikt, also den im Juli 1945 ausgebrochenen ‹Kalten Krieg› zwischen der Sowjeunion und den USA.
Byrnes Aussagen können, je nach Standpunkt, unterschiedlich gewertet werden. (→ 2) Ich werde in diesem Beitrag kein politisches Seminar abhalten, sondern konzentriere mich auf eine, das Saarland betreffende Aussage.

«The United States does not feel that it can deny to France, which has been invaded three times by Germany in 70 years, its claim to the Saar territory, whose economy has long been closely linked with France. Of course, if the Saar territory is integrated with France she should readjust her reparation claims against Germany.» (→ 3)

Übersetzung
Die Vereinigten Staaten sind nicht der Meinung, dass sie Frankreich, in welches Deutschland innerhalb von 70 Jahren dreimal eingefallen ist, seinen Anspruch auf das Saargebiet, dessen Wirtschaft seit langer Zeit mit Frankreich eng verbunden ist, verweigern könnten. Selbstverständlich müsste Frankreich, wenn ihm das Saargebiet eingegliedert wird, seine Reparationsforderungen an Deutschland entsprechend anpassen. (→ 4)

Auf den ersten Blick liest sich die Aussage wie eine Einladung an Frankreich, das Saarland zu annektieren. Weit gefehlt. Die Realität sieht anders aus und dies ist Byrnes bewusst. Der US-amerikanische Militärgouverneur Lucius D. Clay hat ihn und das State Departement mehrfach darauf hingewiesen, dass eine Annexion des Saarlandes mit dem Potsdamer Abkommen nicht vereinbar sei und die Befugnisse des Alliierten Kontrollrats übersteige. Die Sowjets verfolgen – Abtretung von Königsberg und Westverschiebung Polens völlig ignorierend – dieselbe Argumentationslinie.

Die zwei Sätze dieser Rede enthalten auch eine unverhohlene Kritik an der Deutschlandpolitik der französischen Regierung. Diese verfolgt weitaus mehr als bloss die Annexion des Saarlandes und immense Reparationsleistungen (insbesondere Kohlen). Sie verhindert effektiv die Behandlung der Besatzungszonen als wirtschaftliche Einheit.
Die «angepassten Reparationsforderungen» bedeuten nicht mehr und nicht weniger als Verzicht auf die Abtretung linksrheinischer Gebiete und des Ruhrgebiets sowie weniger Kohlen für Frankreich. In Frankreich fallen die Reaktionen entsprechend kühl und ablehnend aus.

Item. Sowohl Général Pierre-Marie Kœnig, dessen Generalverwalter für die französische Besatzungszone Émile Laffon als auch Gilbert Grandval, der Gouverneur des Saarlandes, werden in Paris mit der Forderung vorstellig, das Saarland möglichst schnell zu annektieren. Die Zeit dränge. «Die Menschen an der Saar würden in unserer Untätigkeit einen Ausweis der Schwäche sehen und sich dann von Frankreich abwenden. Wenn jetzt keine Entscheidung erfolge, wird die Zeit künftig gegen uns arbeiten.» (→ 5)

Innerhalb weniger Tage nach Byrnes Stuttgarter Rede stellt sich in Paris somit die Frage nach den langfristigen Zielsetzungen französischer Saarpolitik neu.
Georges Bidault, Präsident der Provisorischen Regierung der französischen Republik und gleichzeitig Aussenminister, reagiert rasch. Er schliesst am 13. September 1946 in einer öffentlichen Rede eine politische Annexion des Saarlandes aus. Eine politische Volte sondergleichen. Damit ist das Thema Annexion vom Tisch.

Diese erstaunliche politische Kehrtwende liest sich so:
Frankreich wünscht in keiner Weise eine politische Annexion der Saar. Diese wäre gegen seine Interessen, Traditionen und Ideale. Es ist Frankreichs Wunsch, dass sich an der Saar eine demokratische Regierung bildet, die den Bewohnern dank eines Repräsentativsystems den Respekt ihrer Sprache, ihrer Gewohnheiten und ihrer Kultur garantiert. Es sei nun Aufgabe der französischen Politik und ihrer Vertreter in Deutschland, die Grundlagen der saarländischen Autonomie herauszuarbeiten.

Das neue Zauberwort französischer Saarpolitik lautet nun ‹Autonomie›.

Fazit
Die Rede des US-Aussenministers Byrnes in Stuttgart ist ambivalent und lässt viele Deutungsmöglichkeiten zu. Sie hat kaum Folgen in Deutschland, denn die Fusion der britischen und US-amerikanischen Besatzungszone zum ‹Vereinigten Wirtschaftsgebiet›, der sogenannten ‹Bizone› ist seit Juli 1946 beschlossene Sache, auch wenn diese erst auf den 1. Januar 1947 umgesetzt wird.
Für das Saarland sind die Folgen der Rede umso überraschender. Die seit November 1944 von Frankreich angestrebte Annexion des Saarlandes ist ab dem 13. September 1946 vom Tisch. Nun ist ein Ziel französischer Deutschlandpolitik eine autonomes Saarland, welches sich in einer Wirtschafts- und Währungsunion Frankreich anschliesst.

____________________

Hinweise
Diese Website verwendet Lightbox. Für grössere Abbildungen eine Abbildung berühren oder anklicken.

(→ 1) James Francis Byrnes (1882-1972) war US-amerikanischer Politiker, der am rechten Rand der Demokraten politisierte. Er war von 1945-1947 unter Präsident Truman Aussenminister und von 1951-1955 Gouverneur von South Carolina.

(→ 2) Gimbel, John; Byrnes Stuttgarter Rede und die amerikanische Nachkriegspolitik in Deutschland, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1972 H. 1, S. 39ff

(→ 3) Byrnes, James Francis; Restatement of Policy on Germany (Stuttgart 6.9.1946), abgedruckt in: Ruhm von Oppen, Beata (Hrsg.), Documents on Germany under Occupation, 1945–1954 London und New York 1955, S. 52ff

(→ 4) Übersetzung des Verfassers

(→ 5) Loth, Wilfried; Die unvollendete Annexion, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 2020 H. 3, S. 513ff

Der Begriff ‹Saarphila Historyist geschützt.

____________________

🇬🇧 In a nutshell: 80 years ago, foundations for the nascent Saarland were laid. 80 years ago, plans were drawn for and work started at the first stamp issue for the Saarland ‹Works and sights at the Saar›.
Both, the political history of the Saarland as well as the history of the stamp issues ‹Works and sights at the Saar› are inextricably entwined.

On 6th September 1946 James F. Byrnes, US Secretary of State, speaks in Stuttgart. The speech is long and the topics covered are complex. This post concentrates on one specific statement.

«The United States does not feel that it can deny to France, which has been invaded three times by Germany in 70 years, its claim to the Saar territory, whose economy has long been closely linked with France. Of course, if the Saar territory is integrated with France she should readjust her reparation claims against Germany.»

This sounds like an open invitation for France to annex the Saarland. This is not the case. In the days following the speech General Kœnig, Émile Laffon as well as Gilbert Grandval urge Georges Bidault, President of the provisional Government of the French Republic and Foreign Secretary, to decide the future politics toward the Saarland.

What follows is a U-turn in french foreign policy. All of a sudden it is not in the interest of the French Republic to politically annex the Saarland, any more. It is France’s wish that a democratic government be established in the Saar which, through a representative system, guarantees the inhabitants respect for their language, customs and culture. It is now the task of French politicians and their representatives in Germany to lay the foundations for the Saar’s autonomy.

The new buzzword in French Saar policy is ‹autonomy›.

🇫🇷 En bref: Il y a 80 ans, les fondations de la Sarre naissante ont été posées. Il y a 80 ans, les plans ont été dessinés et les travaux ont commencé pour la première série de timbres de la Sarre intitulée « Metiers et sites de la Sarre ».
L’histoire politique de la Sarre et l’histoire de la série de timbres « Metiers et sites de la Sarre » sont inextricablement liées.

Le 6 septembre 1946, James F. Byrnes, secrétaire d’État américain, prononce un discours à Stuttgart. Ce discours est long et aborde des sujets complexes. Cet article se concentre sur une déclaration spécifique.

« Les États-Unis ne se sentent pas en droit de refuser à la France, qui a été envahie à trois reprises par l’Allemagne en 70 ans, ses revendications sur le territoire de la Sarre, dont l’économie est depuis longtemps étroitement liée à celle de la France. Bien entendu, si la Sarre est intégrée à la France, celle-ci devra réajuster ses demandes de réparations à l’égard de l’Allemagne.»

Cela ressemble à une invitation ouverte adressée à la France pour qu’elle annexe la Sarre. Ce n’est pas le cas. Dans les jours qui ont suivi le discours, le général Kœnig, Émile Laffon ainsi que Gilbert Grandval ont exhorté Georges Bidault, président du gouvernement provisoire de la République française et ministre des Affaires étrangères, à définir la future politique à l’égard de la Sarre.

S’ensuit alors un revirement complet de la politique étrangère française. Du jour au lendemain, il n’est plus dans l’intérêt de la République française d’annexer politiquement la Sarre. La France souhaite désormais qu’un gouvernement démocratique soit mis en place en Sarre, garantissant aux habitants, par le biais d’un système représentatif, le respect de leur langue, de leurs coutumes et de leur culture. Il incombe désormais aux responsables politiques français et à leurs représentants en Allemagne de jeter les bases de l’autonomie de la Sarre.

Le nouveau mot à la mode dans la politique sarroise est « autonomie ».

#saarphila #saarphilately