‹Vor 80 Jahren› – Anfang September 1946

Saarphila History

Vor 80 Jahren entstand das Saarland wie wir es heute kennen. Ebenfalls vor 80 Jahren begannen die Planungen und Arbeiten an einer Briefmarkenausgabe für das Saarland: ‹Berufe und Sehenswürdigkeiten an der Saar›.
Die politische Entwicklung des Saarlandes wie die Geschichte der Briefmarkenausgaben ‹Berufe und Sehenswürdigkeiten an der Saar› sind untrennbar miteinander verwoben.

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Anfang September 1946

Vytautas Kazimieras Jonynas und Dr. Franz Burda erhalten Aufträge

Général Pierre-Marie Kœnig (1898-1970), Militärgouverneur der französischen Besatzungszone und Mitglied des Alliierten Kontrollrates für Deutschland, hat einen klaren politischen Auftrag. Ein Wiedererstarken des furchtbaren Nachbarn im Osten Frankreichs wenn nicht zu verhindern, so wenigstens so lange als möglich zu behindern (→ 1). Darüber hinaus sollte er den Anschluss des Saarlandes an Frankreich befördern.

Die französische Besatzungszone besteht aus den Ländern Baden, Württemberg-Hohenzollern, dem Landkreis Lindau sowie den Provinzen Rhein-Hessen-Nassau sowie Hessen-Pfalz. Letztere sind erst am 30. August 1946 durch Verordnung Nr. 57 der französischen Militärregierung zum Land Rheinpfalz verbunden worden; Landeshauptstadt ist Mainz. (→ 2)

In der französischen Besatzungszone verwenden die Postkunden nicht, wie in den übrigen Besatzungszonen, die Marken und Ganzsachen der AM-Post oder der 1. Kontrollratsausgabe. Die Franzosen haben eigene Marken verausgabt. Die bei der französischen Staatsdruckerei hergestellten Marken der Serie ‹Deutsche Wappen und Dichter›.

Es herrscht jedoch eklatanter Briefmarkenmangel in der französischen Zone. Die Auflagenhöhe ist im Vergleich zum Bedarf viel zu niedrig. Selbst in Baden-Baden, dem  Sitz der Militärregierung werden 1946 immer häufiger Briefe und Pakete bar frankiert. Hierüber lästern genüsslich Journalisten aus der britischen und amerikanischen Zone. Aber auch der deutsche Schriftsteller und Leiter einer französischen Nachrichtenagentur in Baden-Baden, Walter Lenz, berichtet über den Briefmarkenmangel und den Alltag der Postkunden:

«Es gibt keine Briefmarken in Baden-Baden. Ausverkauft. Die französische Zone hat nicht die gleichen wie die anderen Zonen. Daher kleine Auflagen, daher der Run der Sammelwütigen; im Jahre 1946 wütiger denn je; Es ist eine Währung, die nicht die Gleichschaltung Franc gleich Dollar mitmacht, es ist eine Währung, von der viele hoffen, daß sie die Mark [Reichsmark, Anm. des Verf.] überleben wird. Es ist auch ein Unfug. Man geht an den Schalter, und der Brief wird dort gestempelt. Man steht Schlange, einmal mehr. Da man noch Marken aus der britischen Zone bei sich hatte, glaubte man, die Schlange überlisten zu können. Nach drei Tagen kam der Brief zurück. ‹Marken unzulässig› stand darauf. Ja, hätte der Adressat des Briefes beim Empfang nicht nachzahlen körnen? Das geht heute nicht zwischen Baden-Baden und Hamburg. Würde man protestiert haben – man weiss von vornherein was geschehen wäre. Man zuckt die Achseln: die Besatzungsbehörde … Das hörte man schon in allen Zonen zu allen Anlässen. Es scheint die schlimmste deutsche Krankheit von 1946 zu sein. Die bequemste natürlich auch.» (→ 3)

Es muss rasch Abhilfe geschaffen werden, ordnet Général Kœnig an. Dabei sollen die drei Länder der französischen Zone jeweils eigene Briefmarken erhalten. Eine weiterer Schritt der Dezentralisierung. Eine kurzsichtige Politik, aber nach drei verheerenden Kriegen in 75 Jahren durchaus nachvollziehbar.

Im gleichen Aufwasch soll auch das nun erweiterte Saarland neue Briefmarken erhalten. In Erwartung einer baldigen Wirtschafts- und Währungsunion wird bei den Planungen im Spätsommer 1946 die Saar-Ausgabe als Provisorium, als Übergangslösung mit sehr kleiner Auflage konzipiert. Die Saar-Ausgabe soll nicht länger als sieben bis acht Monate in Umlauf sein. und dann von einer Ausgabe in Frankenwährung abgelöst werden.
Im Angesicht der fragilen politischen Verhältnisse im Frankreich des Jahres 1946 ist das eine vorsichtige, vorausschauende Planung.
Die kleine Auflage und kurze Verwendungsdauer sind die Erklärung, weshalb die Briefmarken für das Saarland vor den Briefmarken für die Länder der französischen Besatzungszone hergestellt werden.

Zwei Männer in der französischen Militärregierung in Baden-Baden kümmern sich um die Briefmarkenwünsche ihres Chefs.

  • Général Raymond Schmittlein (42), einflussreicher Chef der Diréction de l’Éducation Publique, ‹Bildungs- und Kultusminister›
  • Dipl. Ing. Raymond Jean Louis Croze (38), Chef ‹Diréction des P.T.T.› und Direktor des Deutschen Postzentralamts, Rastatt, ‹Postminister›

Beide ‹Minister› haben ihre Büros im requirierten ‹Hotel Stephanie› in Baden-Baden.

Die Staatsdruckerei in Paris wird angefragt und sagt ab. Eine Alternative wird gesucht und gefunden. Die Druckerei Franz Burda in Offenburg. Dr. Franz Burda – innerhalb der französischen Militärregierung bekannt und wegen seines früher engen Verhältnisses zu den brauen Machthabern höchst umstritten – druckt für die Militärregierung bereits Lehrmittel, Landkarten für den ‹Service Géographique› sowie das Truppenmagazin ‹Revue d’Information›.

Der 43-jährige Franz Burda lässt sich nicht zweimal bitten. Er erkennt und ergreift die Chance, seine Belegschaft und sich selbst bei der französischen Militärregierung in Baden-Baden nicht bloss nützlich, sondern unentbehrlich zu machen. Seine Mitarbeiter haben zwar nie zuvor Briefmarken hergestellt, seine Druckerei verfügt auch nicht über alle nötigen Maschinen, aber das lässt sich ändern.

Franz Burda hatte die Druckerei in Offenburg bereits 1935 auf Tiefdruck umgestellt. Aus diesem Jahr stammt auch die für den Druck verwendete Rotations-Rastertiefdruckmaschine ‹Palatia O›.

Für den Druck benötigt die Druckerei Tiefdruck-Farben und Lösungsmittel. Die Farben müssen bei der ‹Farbenfabrik Keller, Dr. Rung und Co.› in der englischen Besatzungszone gekauft werden.
Lösungsmittel sind zwar in ausreichender Menge, jedoch bloss in kriegsbedingt mangelhafter Qualität vorhanden.
Drei Tonnen Papier bezieht Burda von der Firma Koehler im 12 Kilometer entfernten Oberkirch und lässt diese in Pfungstadt bei der Firma Gebrüder Seidel mit Gummierung versehen.
Das bereits gummierte, mit Wasserzeichen versehene Bogenpapier für die ersten drei gedruckten Werte (75 | 12 | 45 Pfennig) der Saar-Ausgabe stammt höchstwahrscheinlich aus der Vorkriegsproduktion der Papierfabrik Kappelrodeck im Schwarzwald.

Raymond Croze und seine Mitarbeiter sorgen für

  • die Zuteilung von Kohlen und Strom
  • die Einbindung der Délégation des P.T.T. in Saarbrücken
  • die Entsendung von Überwachungsbeamten der OPD Saar sowie
  • die militärische Bewachung von Druckerei und Transporten durch die französische Gendarmerie!

Raymond Schmittlein sorgt für den künstlerischen Teil … die Bildmotive!
Schmittlein war in den 1930er-Jahren unter anderem als universitärer Lektor und Korrespondent der traditionsreichen, französischen Nachrichtenagentur ‹Havas› im Baltikum tätig gewesen. In Kaunas lernte er den renommierten und vielseitigen Künstler Vytautas Kazimieras Jonynas kennen. (→ 4)
Jonynas, seit 1938 Offizier der französischen Ehrenlegion, war mit Frau und Kind im Juli 1944 aus Kaunas vor den russischen Truppen nach Westen geflohen. Im Dezember 1945 strandet er als DP in Freiburg im Breisgau … und damit in der Französischen Zone. (→ 5)
1946 wird der 39-jährige Jonynas auf Initiative seines Freundes Raymond Schmittlein Kunstbeirat der französischen Militärregierung. Er gestaltet für einen Wettbewerb einen Entwurf für eine Briefmarke ‹Karl der Grosse› und erhält im September 1946 den Auftrag für die Entwürfe der Saar-Ausgabe.

Mit dem Auto tourt Jonynas – auf dem Bild links – im September 1946 mit dem Auto durch das Saarland und fertigt Skizzen für die benötigten Bildmotive an.

Skizzen für die Bildmotive der ersten Briefmarken für das Saarland habe ich bei meinen Recherchen noch nicht gefunden.

Ich kann jedoch zwei von Jonynas gefertigte Skizzen eines Bildmotivs der Ausgabe für das Land Württemberg-Hohenzollern zeigen (MiNr. WH 16, 23 und 32)

Zusammenfassung
Anfang September 1946 beginnen die Planungen und Vorbereitungen für den Druck sowohl der Briefmarkenausgaben für die Länder der französischen Besatzungszone. Eigene Briefmarken für jedes dieser Länder sind ein Baustein, der von der französischen Politik angestrebten Dezentralisierung Deutschlands nach drei verheerenden Kriegen in 75 Jahren.

Vor den Ausgaben für die französische Besatzungszone sollen Briefmarken für das Saarland hergestellt werden. Diese Marken in Mark und Pfennig sind als kurzfristiges Provisorium bis zur angestrebten Wirtschaft- und Währungsunion mit Frankreich geplant. Die Auflagenhöhe ist sehr klein und auf eine Frankaturgültigkeit von sieben bis acht Monaten ausgelegt.

Dr. Franz Burda, Druckereibesitzer und Verleger im Wartestand, wird nach Baden-Baden ins Hotel ‹Stephanie› zitiert und erhält den Auftrag, Briefmarken zu drucken. Seine Mitarbeiter haben zwar noch niemals Briefmarken hergestellt und es sind auch nicht alle benötigten Maschinen vorhanden, doch für Franz Burda ist der Auftrag eine Chance.

Der litauische Künstler Vytautas Kazimieras Jonynas wird mit der Gestaltung der Bildmotive beauftragt. Er bereist im September 1946 das Saarland und fertigt Skizzen für seine Vorlagen an.

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Hinweise
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(→ 1) Kœnig betrieb im Auftrag von Georges Bidault im Alliierten Kontrollrat eine regelrechte Obstruktionspolitik. Frankreich, welches das Potsdamer Abkommen nicht unterzeichnet hatte, und nicht die Sowjetunion verhinderte die Behandlung Deutschlands als wirtschaftliche Einheit sowie die im Potsdamer Abkommen vorgesehene Errichtung deutscher Zentralverwaltungen.
Die französische Politik bestand auf der Annexion des Saargebiets, der Abtrennung der linksrheinischen Gebiete und der Internationalisierung des Ruhrgebiets.

(→ 2) Déclaration Relative à la création d’un Land Rhéno-Palatin et Ordonnance No. 57. Journal Officiel du Commandement en Chef français en Allemagne, No. 35/1946, p. 291-229
(abrufbar bei → 🌐 Gallica)

(→ 3) Walter Lenz (1911-1963), Leiter einer französischen Nachrichtenagentur in Baden-Baden, Korrespondent der ‹Zeit›, in: ‹Die Zeit› Nr. 24/1946, 1. August 1946, Feuilleton

(→ 4) Maywald, Torsten; Raymond Schmittlein, Soldat – Diplomat – Kulturvermittler, Eine biographische Skizze,  Neustadt in Holstein 2026 [erscheint 1.Q. 2027]

(→ 5) Maywald, Torsten; Vytautas Kazimieras Jonynas – Gestalter von Briefmarkenmotiven, Neustadt in Holstein 2026 [erscheint 1.Q. 2027]

Der Begriff ‹Saarphila Historyist geschützt.

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🇬🇧 In a nutshell: 80 years ago, foundations for the nascent Saarland were laid. 80 years ago, plans were drawn for and work started at the first stamp issue for the Saarland ‹Works and sights at the Saar›.
Both, the political history of the Saarland as well as the history of the stamp issues ‹Works and sights at the Saar› are inextricably entwined.

In early September 1946, planning and preparations began for the printing of stamp issues for the ‹Länder› of the French occupation zone. Separate stamps for each of these ‹Länder› were a key element in the decentralisation of Germany sought by French policymakers following three devastating wars in 75 years.

Before the issues for the French occupation zone, though, stamps were to be produced for the Saarland. These stamps, denominated in marks and pfennig, were intended as a short-term stopgap until the planned economic and monetary union with France was achieved. The print run was very small, planned to remain valid for postage for seven to eight months, only.

Dr Franz Burda is summoned to the Hotel ‹Stephanie› in Baden-Baden and is instructed to print the stamps. Although he and his staff have never produced stamps before and not all the necessary machinery is available, Franz Burda sees the project as a heaven-sent opportunity.

The Lithuanian artistVytautas Kazimieras Jonynas is asked to design the motifs for the stamps. In September 1946, he travels to the Saarland and creates sketches for his designs.

🇫🇷 En bref: Il y a 80 ans, les fondations de la Sarre naissante ont été posées. Il y a 80 ans, les plans ont été dessinés et les travaux ont commencé pour la première série de timbres de la Sarre intitulée « Metiers et sites de la Sarre ».
L’histoire politique de la Sarre et l’histoire de la série de timbres « Metiers et sites de la Sarre » sont inextricablement liées.

Début septembre 1946, les travaux de planification et les préparatifs en vue de l’impression des séries de timbres destinées aux « Länder » de la zone d’occupation française commencent. La création de timbres propres à chacun de ces « Länder » constitue un élément clé de la décentralisation de l’Allemagne, objectif visé par la politique française après trois guerres dévastatrices en 75 ans.

Avant les émissions destinées à la zone d’occupation française, il fallait toutefois produire des timbres pour la Sarre. Ces timbres, libellés en marks et en pfennigs, étaient destinés à servir de solution provisoire à court terme jusqu’à la mise en place de l’union économique et monétaire prévue avec la France. Le tirage était très limité, et leur validité pour l’affranchissement ne devait durer que sept à huit mois.

Le Dr Franz Burda est convoqué à l’hôtel « Stephanie » à Baden-Baden et reçoit pour mission d’imprimer les timbres. Bien que ni lui ni son équipe n’aient jamais produit de timbres auparavant et que toutes les machines nécessaires ne soient pas disponibles, Franz Burda considère ce projet comme une aubaine.

L’artiste lituanien Vytautas Kazimieras Jonynas est chargé de concevoir les motifs des timbres. En septembre 1946, il se rend en Sarre et réalise des croquis pour ses créations.

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