Saarphila History
Vor 80 Jahren entstand das Saarland wie wir es heute kennen. Ebenfalls vor 80 Jahren begannen die Planungen und Arbeiten an einer Briefmarkenausgabe für das Saarland: ‹Berufe und Sehenswürdigkeiten an der Saar›.
Die politische Entwicklung des Saarlandes wie die Geschichte der Briefmarkenausgaben ‹Berufe und Sehenswürdigkeiten an der Saar› sind untrennbar miteinander verwoben.
____________________
18. Mai 1946
Seit 80 Jahren steht die rund 5 Meter hohe Statue im Schatten einer grossen Eiche auf dem alten Pulvermagazin der Vauban-Insel und blickt auf Saarlouis (→ 1).
Geschaffen von dem bekannten französischen Bildhauer Jean Lambert-Rucki (1888-1967) ist diese nüchtern gehaltene, monolithische Betonplastik eine Personifikation der vorgesehenen Verbindung zwischen dem Saarland und der ‹Grande Nation›.


Punkt 18 Uhr am 18. Mai 1946 enthüllt Gilbert Grandval das Denkmal für Marschall Michel Ney, den grossen Sohn dieser von Louis XIV. gegründeten Stadt. Die Enthüllung gestaltet sich aufgrund von Regen etwas schwierig. Der Kopf von Michel Ney als störrisch. Die für die Verhüllung verwendete riesige französische Fahne ist nass und schwer.

Es ist der von etwa 2’000 Besuchern verfolgte Auftakt der ‹Französischen Festtage an der Saar› [Journées Française de la Sarre], dem Höhepunkt eines frankophilen Frühlings, in welchem die Zukunft des Saarlandes an der Seite Frankreichs gebaut zu werden schien. Falls der Begriff französisches Saarland jemals seine Berechtigung hatte, dann 1946 in Saarlouis.
Zwei Ansprachen von Gilbert Grandval und dem Präsidenten des Marschall Ney-Vereins, in dessen Auftrag Jean Lambert-Rucki die Plastik geschaffen hatte, das war’s jedoch für den ersten Tag. Der gemäss Festprogramm für 22 Uhr geplante Fackelumzug mit Feuerwerk scheint buchstäblich ins Wasser gefallen zu sein. Zumindest werden diese in den verschiedenen Quellen mit keinem Wort erwähnt.
Festprogramm
Samstag, 18. Mai
18:00 Uhr Enthüllung Ney-Denkmal
22:00 Uhr Fackelzug und Feuerwerk
Sonntag, 19. Mai
11:00 Uhr Hochamt mit Général Kœnig in der Christ-König-Kirche Saarbrücken
15:15 Uhr Kranzniederlegung Ney-Denkmal Saarlouis durch Général Kœnig
15:30 Uhr Ankunft Général Kœnig auf dem Grossen Markt Saarlouis
15:30 Uhr Truppenparade
16:00 Uhr Ansprache Bürgermeister und Gilbert Grandval
16:40 Uhr Vorbeimarsch der Truppen
17:10 Uhr Volksbelustigungen
18:30 Uhr Abreise Général Kœnig
Der Sonntag, 19. Mai, bringt mehr Wetterglück. Zehntausende Saarländer (→ 2) besuchen die aufwendige Veranstaltung inmitten von Nachkriegsruinen, was auf dem Festplakat auch gezeigt wird.

Das Plakat zeigt nicht den Marschall, sondern Marianne, die Symbolfigur Frankreichs, als ‹La Semeuse›, resp. die Säerin (→ 3). Die Säerin schreitet barfuss über Ruinen der Sonne entgegen, mit der rechten Hand jenen Samen verteilend, aus dem ein neues Saarland entspringen sollte.
Für den Anlass wird von der Post ein Gummi-Nebenstempel entworfen und auf Postsendungen abgeschlagen. Es ist der erste von bloss zwei Nebenstempeln in der Saarlandphilatelie.
Der zweite wird später im Jahr 1946 anlässlich des Besuchs der Saargruben durch Général Pierre-Marie Kœnig am 22. Dezember 1946 verwendet.

Der Aufwand für die ‹Französischen Festtage an der Saar› ist enorm. 30 Kilometer Strasse von Saarbrücken nach Saarlouis über das rechte Saarufer werden in weniger als drei Wochen von einer durch den Krieg zerstörten Schlaglochpiste zu einer Prachtstrasse saniert. In Saarlouis entstehen in der Innenstadt 10 vollausgerüstete Sanitätsstationen inkl. Telefonverbindung zum Krankenhaus.
Bier, Wein, sonstige Lebensmittel aber auch Treibstoffe für Busse und Lkw müssen beschafft werden.
Die Eisenbahn bringt mittels eines Sonderfahrplans auf dem nicht komplett wiederhergestellten Schienennetz – wenige – Besucher aus allen Himmelsrichtungen nach Saarlouis.
150 Pressevertreter aus dem In- und Ausland berichten über die Französischen Festtage und lassen diese zum ersten medialen Grossereignis der saarländischen Nachkriegsgeschichte werden.
Der zentrale Punkt des Festprogramms sind die Festreden am Sonntag. Diese sollen die Zukunft des Saarlandes skizzieren und sind selbstverständlich genau choreographiert.
Saarlouis‘ Bürgermeister Walter Bloch verlangt nicht weniger als die sofortige Vereinigung des Saarlandes mit der französischen Nation sowie die Wiederherstellung der Grenzen von 1814.
Général Kœnig fordert in seiner ebenfalls auf Französisch gehaltenen Rede den wirtschaftlichen Anschluss des Saarlandes an Frankreich und die Verfügung über die Saargruben (→ 4).
Gouverneur Gilbert Grandval betont in seiner auf Französisch gehaltenen Ansprache dagegen das bisher erreichte und die Zusammengehörigkeit des saar-lothringischen Wirtschaftsraums.
Böse Zungen behaupten, es habe sich bloss um einen Abklatsch von ‹Brot und Spiele› im Kaiserlichen Rom gehandelt. Das Argument hat was für sich. Man muss sich vorstellen, wenn Menschen mit weniger als 1000 Kalorien pro Tag auskommen müssen, ist das Versprechen auf zwei Weck, 100 Gramm Wurst und vier Glas Bier für jeden erwachsenen Festbesucher ein starker Anreiz. Auch Kinder bis 12 Jahren erhalten Wurst und Weck, wenn diese im Klassenverband anreisen.
Dazu wollen die obersten Vertreter Frankreichs erläutern, wo es – ein Jahr nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht – mit dem Saarland weitergehen soll. Hätte ich keinen weiten Weg gehabt … ich wäre nach Saarlouis gegangen.
Die Diskussionen über die ‹Französischen Festtage an der Saar› werden wohl nie ganz verebben. Das Denkmal für Marschall Ney steht dennoch seit 80 Jahren und schaut auf Saarlouis.
Die Plastik von Jean Lambert-Rucki aus dem Jahr 1946 wird noch im selben Jahr Vorlage für ein Bildmotiv der Briefmarkenausgaben ‹Berufe und Sehenswürdigkeiten an der Saar›. Vytautas Kazimieras Jonynas fertigt erst Skizzen an und erstellt dann die Vorlage.


An der Vorderwand des alten Pulvermagazins unterhalb des Denkmals für Maréchal Michel Ney hängt seit dem 23. Mai. 1991 eine Tafel mit einigen Lebensdaten, dem Jahr der Errichtung sowie dem Namen des Bildhauers.

Das Geburtshaus Michel Neys an der Bierstrasse 13 in Saarlouis ist heute ein empfehlenswertes Restaurant.

____________________
Hinweise
Diese Website verwendet Lightbox. Für grössere Abbildungen eine Abbildung berühren oder anklicken.
(→ 1) Saarlouis war 1936 von Reichsstatthalter Josef Bürckel per Dekret in ‹Saarlautern› umbenannt worden. In einer seiner ersten Amtshandlungen als Präsident des Regierungspräsidiums Saar machte Dr. Hans Neureuter diese Umbenennung mit Anordnung Nr. 5 am 14. Juli 1945 rückgängig. Symbolträchtig geschieht dies am französischen Nationalfeiertag.

(→ 2) Exakte Besucherzahlen lassen sich im Nachhinein nicht mehr ermitteln. Die einige Tage nach der Veranstaltung in den Neuen Saarbrücker Nachrichten veröffentlichte Zahl von 120’000 Festbesuchern dürfte unter politischer Prämisse ermittelt worden sein.
(→ 3) Die Figur wurde 1886 von Louis Oscar Roty (1846-1911) für eine Medaille des französischen Landwirtschaftsministeriums geschaffen. Sie zierte französische Briefmarken und Münzen.

(→ 4) Er erneuert damit die Forderung von Georges Bidault in einer Note an die Botschafter der Siegermächte vom Februar 1946. Wiederholt in einer Rede Bidaults vor der französischen Nationalversammlung im März 1946.
Der Begriff ‹Saarphila History› ist geschützt.
____________________
🇬🇧 In a nutshell: 80 years ago, foundations for the nascent Saarland were laid. 80 years ago, plans were drawn for and work started at the first stamp issue for the Saarland ‹Works and sights at the Saar›.
Both, the political history of the Saarland as well as the history of the stamp issues ‹Works and sights at the Saar› are inextricably entwined.
This post is about the ‹French Festival at the Saar›, that took place on 18./19. May 1946 in Saarlouis. The city still in ruins after the war, the organisation of this festival was in all aspects a major feat. On the first day the monolithic sculpture of Napoleons Maréchal Michel Ney was revealed. This sculpture was transformed by Vytautas Kazimieras Jonynas into the template for the 84 Pfennig of the definitive stamp issues ‹Works and sights at the Saar›.
🇫🇷 En bref: Il y a 80 ans, les fondations de la Sarre naissante ont été posées. Il y a 80 ans, les plans ont été dessinés et les travaux ont commencé pour la première série de timbres de la Sarre intitulée « Metiers et sites de la Sarre ».
L’histoire politique de la Sarre et l’histoire de la série de timbres « Metiers et sites de la Sarre » sont inextricablement liées.
Cet article porte sur la « Journées Française de la Sarre », qui s’est déroulée les 18 et 19 mai 1946 à Sarrelouis. La ville étant encore en ruines après la guerre, l’organisation de ce festival fut à tous égards un véritable exploit. Le premier jour, la sculpture monolithique du maréchal Michel Ney, officier de Napoléon, fut dévoilée. Cette sculpture a été reprise par Vytautas Kazimieras Jonynas pour servir de modèle au timbre de 84 pfennigs de la série définitive « Metiers et sites de la Sarre ».
#saarphila #saarphilatelie
